Selbstmitleid
Aus meinem Leben

Selbstmitleid tut selten gut – die schwere Kunst des Loslassens

Seit zwei Tagen habe ich das Haus nicht verlassen. Ich schaue aus dem Fenster. Die Sonne scheint ab und zu zwischen den Wolken in mein Zimmer. Ich sollte raus gehen. Wenigstens meine obligatorische Runde durch die Wiesen. Doch ich kann mich nicht aufraffen. Ich fühle mich allein. Ich habe kein Ziel mehr. Worauf soll ich meine Energie richten? Du brauchst ein Ziel, sagen sie. Da musst du konsequent drauf hin arbeiten, sagen sie. Stell dir immer wieder vor, wie es ist, es erreicht zu haben, und es wird Wirklichkeit werden, sagen sie. Ja, ja. Ich kann es im Moment nicht mehr hören. Ich weiß nicht mehr, wohin ich will. Und ob es da überhaupt schön wäre. In mir selbst liegt das Glück vergraben. Ganz tief anscheinend. Und ich habe weder einen Bagger noch eine Schaufel, um es auszuheben.

Aus Langeweile und Frust installiere ich wieder diese blöde Flirt App. Wische ein paar Minuten alle Typen nach links weg, um festzustellen, es sind immer noch die selben, wie vor ein paar Monaten. Nein, das bringt nichts, bloß schnell wieder deinstallieren.

Während ich esse, tropfen meine Tränen in das Gemüse. Gerade macht gar nichts mehr einen Sinn. Und ich glaube nicht mehr daran, dass ich meine Träume jemals raealisieren kann, oder dass es einen Mann für mich gibt, oder dass ich tiefgehende Freundschaften führen kann. Immer wieder drehen sich die Gedanken in unangenehme Richtungen, machen mich traurig und immer trauriger. Ich kann nicht aufhören – so schön angenehm dieses Selbstmitleid. Aber ich will aufhören! Ich muss aufhören! Wie war das noch? In solchen Momenten muss man sich mit dem Schmerz auseinander setzen. Ihn ansehen. Face to Face.

Warte mal, habe ich nicht genau das in meiner August Kartenlegung geschrieben? War da nicht was mit “Kummer kommt auf dich zu“? Stimmt, ich lese es nochmal nach. “…vielleicht wirst du nun gezwungen, endlich etwas los zu lassen…” Ich bin erstaunt über meine eigene Deutung, wie gut es gerade passt. Ändert aber nichts, es tut weh, der Kummer ist da. Also gut, dann schau ich ihn mir jetzt genauer an.

Ich setze mich in den Schneidersitz auf mein Trampolin – auf einem Trampolin kann man toll meditieren – schließe die Augen, atme ein, atme aus, schluchze und weine, atme ein, atme aus, die Tränen kullern über mein Gesicht. Wo sitzt der Schmerz denn, kann ich es wahrnehmen? Hm, noch nicht, nochmal ein paar destruktive Gedanken denken… Oh ja, da ist was, am Herzen. Da drückt es, da wird es eng. “Hallo Schmerz, ich sehe dich, du darfst da sein” Oh, tatsächlich bin ich gleich viel ruhiger und die Tränen lassen erstmal nach. So einfach ist das? Mitnichten. Ich habe mich beruhigt, doch die Traurigkeit sitzt tiefer. Ich höre meine innere Stimme sagen:

“Du musst los lassen…”

“Aber wie lasse ich los, überall hört man das, aber wiiiieee?”

“Indem du Frieden schließt mit der Vergangenheit.”

“Aber wie?”

“Indem du vergibst.”

“Aber wiiiieeee?”

“Du musst dir selbst vergeben. Jeden Moment, in dem du nicht authentisch warst.

Jeden Moment, in dem du nicht getan oder gesagt hast, was du eigentlich tun und sagen wolltest.

Und jeden Moment, in dem du nicht aus der Liebe, sondern aus Angst gehandelt hast.”

“Das wird schwer…”

Da gibt es eine ganze – nicht enden wollende – Reihe von Situationen, an die ich dabei denken kann. Das soll ich mir alles nicht mehr übel nehmen? Aber nehm ich mir das denn überhaupt übel? Ist mir das bewusst? Eher nicht. Habe ich mich je wirklich über andere geärgert oder doch unbewusst immer nur über mich selbst? Dass ich in diesen Momenten nicht so sein konnte, wie ich sein wollte… Und darüber, dass ich es dann am anderen ausgelassen habe. Meine eigene Unzulänglichkeit, meine Unsicherheit, meine Angst. Oft genug suchte ich also die Schuld bei anderen, doch hängt am Ende alles an mir selbst. Ist das nun aufbauend? Eigentlich nicht. Es wäre doch viel schöner, einfacher, wenn andere Schuld hätten und nicht man selbst die Verantwortung für alles im eigenen Leben übernehmen müsste, oder? Aber einfach ist nunmal nicht immer besser…

Wie seht ihr das? Was macht ihr, wenn ihr traurig oder wütend seid, euch etwas umgehauen hat und es gerade nicht so läuft, wie ihr euch das wünschen würdet? Schreibt es mir sehr gern in die Kommentare…


Ich habe noch ein kleines Märchen aus dem Buch Komm, ich erzähl dir eine Geschichte , in dem es darum geht, das, was bereits geschehen ist, nicht noch weiter in seinen Gedanken mit sich rum zu schleppen, sondern es auch wieder gehen zu lassen, wenn es nicht mehr wichtig ist.

Die Flussüberquerung

Es waren einmal zwei Zen Mönche, die durch den Wald zu ihrem Kloster zurückkehrten. Als sie an den Fluss kamen, sahen sie eine Frau am Ufer knien. Sie war jung und schön.  “Was ist mit dir?”, fragte der ältere Mönch. “Meine Mutter liegt im Sterben, sie liegt allein zu Haus, auf der anderen Seite des Flusses und ich kann nicht zu ihr. Ich habe es versucht, aber die Strömung hat mich fortgerissen, und ohne Hilfe komme ich nicht auf die andere Seite. Ich dachte, ich würde sie wohl nicht mehr lebend wiedersehen. Aber jetzt… jetzt wo ihr gekommen seid, könnte mir doch einer von euch beiden helfen, den Fluss zu überqueren…”

“Ich wünschte, wir könnten das tun”, klagte der Jüngere. “Aber die einzige Möglichkeit, dir zu helfen, wäre, dich über den Fluss zu tragen. Unser Keuschheitsgelübde jedoch verbietet uns jeden Kontakt zum anderen Geschlecht. Es ist uns verboten. Es tut mir leid.”

“Mir tut es auch leid”, sagte die Frau und brach erneut in Tränen aus. Der ältere Mönch kniete nieder, beugte den Kopf und sagte: “Steig auf!” Die Frau konnte es kaum glauben, sie raffte schnell ihr Bündel zusammen und stieg dem Mönch auf den Rücken. Unter größten Schwierigkeiten durchquerte der alte Mönch, gefolgt von dem Jüngeren, den Fluss. Als sie am anderen Ufer angelangt waren, stieg die Frau ab und wollte dem Mönch die Hände küssen.

“Ist schon gut”, sagte der Alte und zog seine Hände zurück. “Setz deinen Weg fort.” Die Frau verneigte sich dankbar und ergeben, sammelte ihr Bündel auf und lief los in Richtung Dorf. Schweigend nahmen die Mönche ihren Marsch zum Kloster wieder auf. Zehn Stunden Weg lagen noch vor ihnen…

Kurz vor ihrer Ankunft sagte der Junge zum Alten: “Meister, Ihr kennt unser Gelübde besser als ich. Dennoch habt ihr diese Frau auf euren Schultern über den Fluss getragen.”

“Ja, ich habe sie über den Fluss getragen. Aber was ist mit dir, der du sie noch immer auf deinen Schultern trägst?”