Gedankenspiele

Kein Problem – Ich liebe Überstunden!

“Haben Sie sich über unsere Firma vorab ein wenig informiert?” fragt mich die Personalchefin im Vorstellungsgespräch.

“Äh, nee…” sage ich und schüttel dabei meinen Kopf.

Die Blicke sagen alles. Damit habe ich schon mal ordentlich Minuspunkte gesammelt.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es zwei Arten von Vorstellungsgesprächen gibt.

Die einen, wo man in lockerer Atmosphäre plaudert und auch mal Scherze gemacht werden – wo man sich einfach wohl fühlt. Und die anderen mit den blöden Fragen, vor denen man sich schon vorher gefürchtet hat und nie eine gute Antwort parat hat. Die Jobs mit den ernsten Vorstellungsgesprächen habe ich eher selten bekommen – die anderen fast immer. Da wo Sympathie zählt, wo ich so sein kann, wie ich bin und mich nicht verstellen muss. Wo ich mir keine ausgedachten Antworten zurecht legen muss, die den Firmenchef beeindrucken und ihm das geben, was er hören will.

Im Internet gibt es Tipps und Ratschläge, was man auf die gängigen Standardfragen antworten sollte und was nicht. In den wenigsten Fällen ist die Wahrheit angebracht oder das, was einem gerade so in den Sinn kommt. Wenn es auf diese Fragen im Prinzip nur bestimmte “richtige” Antworten gibt, die ich dann einfach so widergebe, ohne es so zu meinen, ist das doch Heuchelei. Ich sage, was sie hören wollen und gut ist. Wenn ich es auch noch überzeugend gemacht habe, habe ich den Job schon in der Tasche. Jedoch ohne wirklich authentisch und echt gewesen zu sein. Ohne zu meinen Werten und zu meiner Wahrheit gestanden zu haben.

Darum bereite ich mich nie auf solche Gespräche vor. Soll ich denn im Ernst auswendig gelernte Antworten wieder geben? Ich lass es immer auf mich zukommen und antworte meist ehrlich. Manchmal zu ehrlich. Aber was soll es. Wenn das Universum meint, dieser Job soll es sein und da bin ich erstmal gut aufgehoben, dann wird es schon so kommen, dass ich das Gespräch irgendwie gut überstehe und genommen werde. Und wenn nicht, dann gibt es da noch was besseres. Ich will keinen Job haben, für den es nötig ist, jemand zu sein, der ich nicht bin und Antworten zu geben, die mir nicht entsprechen.

Wie stehen Sie zu Überstunden?

Das war gleich die nächste Frage in meinem Vorstellungsgespräch. Ich rede davon, dass das im Prinzip kein Problem ist, wenn ich selbst entscheiden kann, wann ich wie lange Überstunden schiebe, dann ist auch mal ein Samstag kein Problem. So ähnlich soll man laut Internetratgeber auch darauf antworten. Puh, klasse, alles richtig gemacht. Hinterher frage ich mich aber doch, warum ich nicht ehrlich und direkt sagen kann “Also bei einer 40 Stunden Woche sehe ich keinen Spielraum für extra Überstunden. Ich habe auch noch ein eigenes Leben und andere Dinge zu tun, die mir wichtig sind… Und da dies gleich Ihre zweite Frage ist, gehe ich davon aus, dass Überstunden in diesem Betrieb an der Tagesordnung sind und erwartet werden – nach meiner Erfahrung ist das kein angenehmes Arbeiten” Aber die Wahrheit darf man nicht sagen, das will so ein Personaler nicht hören.

Warum haben Sie sich bei UNS beworben?

Was soll zum Beispiel die Frage danach, warum man unbedingt in DIESER Firma arbeiten möchte? Was wollen die da hören? “Nun ja, ich habe mich gut über Ihre Firma informiert. Sie haben da ein stark wachsendes, innovatives Imperium erschaffen. Ich habe bisher nur Gutes gehört. Außerdem fordern und fördern Sie Ihre Mitarbeiter. Das ist genau das, was ich suche!” Die Wahrheit ist aber kurz und einfach: “Weil ich auf Jobsuche bin und mich auf alle ausgeschriebenen Stellen bewerbe, die zu meiner Qualifikation passen und mir zusagen.” Wenn da wirklich mal eine Firma in den Stellenangeboten inseriert, die mich als solche interessiert, ist das einfach Zufall. Dann kann ich in dem einen Fall dann wirklich mal so etwas sagen wie “Weil ich mich mit den Zielen der Firma identifizieren kann und gern ein Teil davon wäre.” Diese Frage macht eigentlich nur Sinn bei Initiativbewerbungen.

Warum sollten wir SIE einstellen?

Hier soll man sich natürlich einfach gut verkaufen. Aber wenn man kein Verkaufstalent ist? Tja, Pech gehabt. Was ich mich inzwischen aber frage ist, warum muss ICH mich besonders gut darstellen? Und mit künstlichen Antworten darum kämpfen, dass ich eingestellt werde – ohne zu wissen, ob meine Lebenszeit hier gut investiert ist? Also Gegenfrage “Warum sollte ich bei Ihnen anfangen wollen?” Wie das wohl ankäme 😉 Aber ist doch eine interessante Frage. Was kann mir der Arbeitgeber denn wirklich bieten? Ist ein Arbeitgeber nur attraktiv, wenn er gut zahlt? Über Rahmenbedingen wie Urlaub, Gehalt, Zusatzleistungen und Firmenwagen wird ja immer geredet. Das ist das, was das Arbeiten erträglich machen soll.

Aber was ist mit dem Wohlfühlfaktor? Wie werde ich dort behandelt? Werde ich als Person, als individuelle Persönlichkeit, geschätzt und wahrgenommen? Oder soll ich einfach nur meine Arbeit verrichten und das tun, was verlangt wird, ohne irgendwas in Frage zu stellen? Und muss ich immer meine Zeit den Bedürfnissen der Firma unterwerfen? Wie sind die Kollegen wirklich drauf? “Wir bieten ein angenehmes Betriebsklima und ein motiviertes Team...” Stimmt das wirklich oder wird da viel gelästert und gemeckert? Ich war noch in keiner Firma, wo sowas nicht an der Tagesordnung ist. Ist man motiviert, wenn man Montags das Wochenende herbeisehnt? Und wer tut das nicht? Ein gutes Gehalt entschädigt mich nur marginal dafür, dass ich an meinem Arbeitsplatz unglücklich bin.

Fragen an die Personaler

Natürlich hat man die Möglichkeit, selbst Fragen zu stellen, um etwas über die Hintergründe der Arbeit zu erfahren. Also sowas wie “Warum wurde diese Stelle frei?” oder “Wie gehen Sie mit angespannten Situationen um?”. Aber auch hier wird von der Gegenseite kaum die Wahrheit kommen. Falls die Stelle frei wurde, weil die Mitarbeiterin dem ständigen Druck nicht gewachsen war und bei jedem kleinen Fehler nieder gemacht wurde, wird man das an dieser Stelle kaum erwähnen. Wenn der Chef eine niedrige Toleranzgrenze hat und schnell mal laut wird und ausflippt, wird er das in der Regel auch für sich behalten (meist ist es ihnen ja selber auch gar nicht bewusst). Also auch die Chefs und Recrutierer werden sich bei diesen Fragen einfach gut verkaufen wollen und sich geschickt aus der Affaire ziehen mit Antworten, die einen Bewerber mit gutem Gefühl zurück lassen.

Kein Arbeitsvertrag ohne Schnuppertag

Darum werde ich immer darum bitten, einen Tag in die Firma hinein schnuppern zu dürfen. So sind ja auch beide auf der sicheren Seite. Ein Tag sagt zwar mitunter noch nicht alles über den späteren Alltag aus, aber ich denke, man bekommt schon einiges mit, was die Entscheidung dann leichter macht. Das Wichtigste ist, zu sehen, wo der Arbeitsplatz sein wird und mit wem man diesen gegebenfalls teilen muss. Sind mir die Kollegen sympathisch? Was für ein Umgangston herrscht untereinander? Wie wird über die Arbeit, über die Chefs, über nervige Arbeitsanweisungen gesprochen? Ist es laut oder ruhig? Kann ich mich hier wohlfühlen? Sind die Räumlichkeiten hell und freundlich eingerichtet? Hier entscheidet dann ganz einfach mein Bauchgefühl.

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Bereitet ihr euch vor oder lasst ihr auch einfach alles auf euch zu kommen?