Gedankenspiele

Ich bin schon im Feierabendmodus

Wer kennt das nicht? Diese kleinen Ausreden und Rechtfertigungen, warum wir uns gerade vertan haben, etwas verwirrt waren oder vergesslich sind. Sowas hier zum Beispiel:

Die Kassiererin gibt zu wenig Geld raus “Oh, das tut mir leid. Es ist halt Montag…”

Der Referent kann heute die Dinge nicht so gut erklären “Sorry, es ist Freitag, die Woche war lang.”

Die Artzhelferin ruft den falschen Patienten auf “Ach herrje, es ist einfach noch zu früh am Morgen.”

Die Assistentin verschickt die Emails ohne Anhang “Ups, ich war wohl schon im Feierabendmodus…”

Ich höre das ständig, an den verschiedensten Orten. Sobald jemand einen Fehler macht, wird automatisch entweder der Wochentag oder die Uhrzeit als Rechtfertigung benutzt. Montags hat die Woche gerade erst angefangen, man ist noch im Wochenendmodus. Morgens ist es einfach noch zu früh und nachmittags einfach schon so spät. Freitags steckt uns die Woche in den Gliedern und wir sind bereits wieder im Wochenende. Wo kommt das her? Wer hat damit angefangen?

Das Problem ist natürlich weder der Wochentag noch die Tageszeit. Es ist die Arbeit an sich, es ist das Lebensmodell. Es ist die industrialisierte Welt. Mehr Leistung, mehr Wachstum, mehr Effizienz. Das wird nicht nur von den neusten Produkten gefordert, sondern automatisch auch von den Arbeitsbienen. Wir stehen ständig unter Strom. Der Druck steigt. Manchmal fällt uns das gar nicht auf, wir nehmen das nicht mehr wahr. Außerdem entspannen wir uns doch, zu Hause vor dem Laptop oder dem Fernseher. Doch gerade da prasseln permanent Reize auf uns ein. Massenaft Bilder, Informationen, Werbung und Dialoge müssen dabei verarbeitet werden. Dann noch schnell die Timeline und aktuellen Gruppenbeiträge bei Facebook durchgucken und die neusten Bilder auf Instagram checken. Eine Flut an Informationen.

Zur Entspannung trägt das nicht bei. Im Gegenteil. Alles wird digitalisiert und dadurch wird unsere Welt immer schneller. Informationen können schneller als je zuvor mit allen Menschen auf der ganzen Welt geteilt und jedem zugänglich gemacht werden. Egal, worüber man etwas wissen möchte, man findet es in sekundenschnelle im Internet. Das ist großartig, keine Frage. Eine enorme Erleichterung in vielen Situationen. Aber wo bleibt dabei der Kontakt zu MIR? Ich kann mit etlichen fremden Menschen auf der ganzen Welt kommunizieren, aber höre ich noch, wenn meine innere Stimme zu mir spricht? Sie nutzt die gängigen Wege wie Skype, Whattsapp, Twitter, Facebook und Co nämlich nicht.

Auch wenn ich mich über viele Annehmlichkeiten freue, die das Ganze mit sich bringt, habe ich das leise Gefühl, dass die Industrialisierung Fluch und Segen zugleich ist. Wir leben immer mehr in einer künstlichen Welt mit künstlichen Produkten, ja sogar künstlich hergestellen “Nahrungsmitteln”. Da wir immer weniger Zeit haben, brauchen wir Dinge, die dafür sorgen, dass alles schneller geht. Abends schnell ne Pizza in den Ofen, da kann ich nebenbei schon mal staubsaugen. Die Zeit, morgens in Ruhe und gemütlich meinen Kaffee zu trinken, habe ich nicht, darum kauf ich mir jeden Tag am Bahnhof den teuren Coffee to go im umweltunfreundlichen Wegwerfbecher. Die Zeit in der Bahn nutze ich dann schon mal, um die Emails auf dem Handy zu beantworten.

Ich glaube, dass das alles dazu führt, dass wir uns immer mehr von uns selbst entfernen. Wir haben keine Ahnung mehr, was uns gut tut, was wir wirklich brauchen und was uns tatsächlich Entspannung bringt. Alles findet im Außen statt. Und es geht mehr darum, etwas zu haben, als jemand zu sein.

Und da im Außen alles wie auf dem Highway an uns vorbeirast, sieht es in unserem Inneren nicht anders aus. Der Verstand hat nie Feierabend. Er hört nie auf zu reden. Während du also versuchst, dich auf die Arbeit zu konzentrieren, passieren in deinem Kopf noch jede Menge anderer Dinge. Erinnerungen an vergangene Momente, der Streit mit dem Partner, die Party, für die du noch was vorbereiten musst, Urlaub wolltest du doch auch noch buchen – alles gleichzeitig da – alles in deinem Kopf. Und zwar jeden Tag, die ganze Zeit – nicht nur Montags am frühen Morgen.

Ich denke, es wird für uns immer wichtiger, so viel Zeit wie möglich, fernab von Technik, Internet und Social Media zu verbringen. Zurück zur Natürlichkeit. Auch und vor allem bei der Ernährung. Ihr habt es bestimmt schon hier und da gehört: stark verarbeitete Lebensmittel so gut es geht, meiden. Viel frisches Obst, Gemüse und Getreide – naja ihr wisst das ja 😉 viel Zeit draußen in der Natur verbringen und dabei am besten das Handy direkt zu Hause lassen. Momente einfach genießen, anstatt sie in einem Selfie festhalten zu wollen. Und immer wieder üben, den Geist zu beruhigen, ihn anzuhalten, indem man sich für einen Moment auf den Atem konzentriert – und dann die Stille genießen, die entsteht.